Likes auf Kosten der Kinder
Auf Instagram, TikTok und Co. präsentieren viele Influencer:innen gern ihr scheinbar perfektes Familienleben. Ein vermeintlicher Schnappschuss aus dem Urlaub, ein Video aus dem Spielzimmer - und nicht selten ist dabei prominent eine Packung Windeln eines namhaften Herstellers oder eine Cremedose zu sehen.
Family-Influencing ist längst zum Massenphänomen und zum lukrativen Geschäftsmodell geworden. Von diesem Geschäft profitieren die Influencer:innen selbst, die Werbewirtschaft und die Plattformen, die durch ihre Algorithmen maßgeblich bestimmen, welche Inhalte sichtbar werden. Das alles passiert auf Kosten der Kinder – denn besonders gut klickt sich ein Posting, wenn darin der Nachwuchs zu sehen ist.
Das belegt nun erstmals eine umfangreiche Untersuchung des Leibniz-Instituts für Medienforschung I Hans Bredow-Institut. Auftraggebende der Studie sind die Bremische Landesmedienanstalt (brema), die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb), die Medienanstalt Hamburg-Schleswig-Holstein (MA HSH), die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) und die Landesanstalt für Medien NRW (LfM NRW). Die Projektleitung lag bei der brema. Die Studie liefert erstmals Daten, in welcher Form und in welchen Kontexten KInder auf Social Media auftauchen:
Rund 11.000 Einzelpostings von 359 verschiedenen deutschsprachigen Profilen auf Instagram, YouTube und TikTok wurden untersucht. Zusammengenommen erreichen diese Accounts mehr als 109 Millionen Follower:innen. In einem Drittel der Beiträge, in denen Kinder auftauchen, sind diese nicht unkenntlich gemacht worden und klar zu erkennen. Bei größeren Profilen trifft das sogar auf jedes zweite Posting zu. Statistisch gesehen erhalten Beiträge, in denen sehr junge Kinder im Alter zwischen 0 und drei Jahren auftauchen, besonders viele Likes und Interaktionen.
Kinder zahlen für die Likes einen hohen Preis: den ihrer Privatsphäre und ihres persönlichen Schutzraumes. Besonders kritisch sind Beiträge, in denen Kinder in emotionalen oder intimen Situationen zu sehen sind, beispielsweise auf dem Wickeltisch oder bei einem Wutanfall. Je nach Darstellung sind in den Postings Bereiche des Datenschutzes, des Kinderarbeitsschutzes und der Persönlichkeitsrechte betroffen.
Um für diese Problematik zu sensibilisieren und zum Schutz der Kinder beizutragen, haben die beteiligten Landesmedienanstalten auf Grundlage der Studie Handlungsempfehlungen entwickelt. Sie richten sich nicht nur an die Influencer:innen selbst, sondern auch an die Werbewirtschaft und geben Leitlinien, was diese Akteur:innen konkret tun können, um die Kinder im Netz zu schützen.
Die Folgen für die Kinder
Mir diesen Influencer-Kindern wächst eine Generation heran, die mit einer eigenen Vergangenheit im Netz leben muss, ohne darüber aktiv entschieden zu haben. Influencer:innen, die Babyfotos posten, nehmen darüber hinaus in Kauf, dass hier Bilder und Videos von Kindern mit sensiblen Daten wie Geburtsdatum, Wohnort und vollständigem Namen verknüpft werden. Es gibt aktuell keine regulatorischen Eingriffsmöglichkeiten oder verbindlichen Regelungen, wie Eltern ihre Babys in den sozialen Medien darstellen dürfen, unter anderem weil das Jugendarbeitsschutzgesetz erst für Kinder ab drei Jahren gilt.
Vier Forderungen des Medienrats
Die Bremische Landesmedienanstalt macht schon seit Jahren auf diese Problematiken aufmerksam. Solange es keine gesetzlichen Regelungen im Jugendarbeitsschutzgesetz gibt, die diese Aspekte regulieren, bedarf es einer umgehenden Selbstverpflichtung durch eine entsprechende „Netiquette“ sämtlicher Verbände und Agenturen, die Influencer:innen vertreten und beraten. Vor diesem Hintergrund stellte der Medienrat der brema folgende Forderungen auf:
das Gesicht von unter Dreijährigen im Influencer-Marketing nicht zu zeigen
den echten Namen von unter Dreijährigen nicht anzugeben
keine Aufnahmen aus dem Kinderzimmer zu veröffentlichen
keine Fotos von Kleinkindern in kompromittierenden Positionen zu veröffentlichen
Links
Link zum Gastbeitrag im epd im Dezember 2020. Cornelia Holsten zeigt auf, dass es bisher auf keiner Ebene regulatorische Eingriffsmöglichkeiten bei dieser Praxis gibt. Sie fordert Sicherheit für Babys und Orientierung für Influencer:innen (PDF)
Video des öffentlich-rechtlichen YouTube-Kanals “Mr. Wissen2go”